

Von wo aus schauen wir hier eigentlich auf die beiden?
Nimm dir einen Moment, bevor du weiterliest.
Schreib mir, wo du in diesem Zimmer stehst. Sitzt du, beugst du dich vor, schaust du von der Tür aus? Ich schreibe dir zurück.
Von schräg oben. Dicht am Rand, wie über eine Schulter gebeugt.
Und dann kippt alles ein wenig: Der Boden neigt sich nach vorn, die Muster von Kleid, Teppich und Tapete legen sich flächig übereinander, die Waschschüssel ist am Bildrand einfach abgeschnitten. Ein Zimmer, das sich nicht ordentlich in die Tiefe staffelt, sondern sich zu dir hochbiegt.
Cassatt hatte 1890 in Paris eine große Ausstellung japanischer Farbholzschnitte gesehen, über 700 Blätter. Letzten Sonntag haben wir gemeinsam auf so ein Blatt geschaut.
Aber der Blickwinkel kommt nicht nur aus Japan.
Mary Cassatt hat nie geheiratet und hatte keine Kinder. Dreißig Jahre lang hat sie Mütter mit Kindern gemalt und war nie eine. Als sie jung war, soll ihr Vater gesagt haben, er sähe sie lieber tot als Künstlerin werden. Sie ging trotzdem nach Paris, und als Degas sie 1877 einlud, kehrte sie dem offiziellen Salon den Rücken und stellte mit den Impressionisten aus. Als einzige Amerikanerin.
Und schau noch einmal genau hin: Das hier ist keine süße Madonna. Nasses Haar, eine Hand, die den kleinen Fuß fest umfasst, ein Arm um die Hüfte, damit nichts rutscht. Cassatt malt Kinderpflege als das, was sie ist – Arbeit, dicht und körperlich.
Sie malt diese Zimmer nicht von innen. Sie malt sie von dort, wo jemand steht, der nah dran ist und doch nicht dazugehört.
Keiner von beiden schaut heraus. Du bist im Zimmer, und niemand hat dich bemerkt.
Mary Cassat
Die Kindertoilette (The Child’s Bath), 1893. Öl auf Leinwand, 100,3 × 66,1 cm. Art Institute of Chicago
Ein Hochformat von etwa einem Meter Höhe. Das schmale Format verstärkt den Blick von oben, man schaut wie in einen engen Schacht hinein. Cassatt beriet außerdem amerikanische Sammlerinnen und Sammler beim Ankauf französischer Kunst – ein großer Teil der impressionistischen Bestände in US-Museen geht auf ihren Rat zurück.
Bis zum nächsten Impuls, hab einen schönen Sonntag.
Herzliche Grüße
Andrea
Übrigens: Am 6. November führe ich interaktiv durch "Niki de Saint Phalle – Dream Machine" im Kunstpalast Düsseldorf, 5 Euro zuzüglich Eintritt. Alle Termine findest du hier.
1 : Art Institute of Chicago, CC0, keine Anfrage nötig. Suche „Cassatt Child's Bath“, Accession 1910.2.
