

Was auf diesem Blatt gehört zusammen?
Nimm dir einen Moment, bevor du weiterliest.
Schreib mir, was auf dem Blatt für dich zusammengehört. Und was für dich nicht dazugehört
Raupe, Puppen, Kokon und Falter – und der Zweig, von dem das Tier frisst. Alles auf einem Blatt. Das klingt selbstverständlich, war es aber nicht. Vorher zeichnete man Insekten wie Präparate: einzeln, aufgespießt, ohne Umgebung. Wer eine Raupe zeichnete, zeichnete eine Raupe. Was aus ihr wurde, stand woanders oder nirgends.
In diesem Atelier ging man anders vor, und zwar mit Geduld. Raupen wurden gesammelt, über Monate gefüttert, jede Häutung festgehalten, und dann wartete man ab, was aus der Puppe kam. Damit widerlegte Maria Sibylla Merian nebenbei eine Lehrmeinung: Man glaubte, Insekten entstünden von selbst aus Schlamm und Fäulnis.
Und jetzt das, was auf dem Schild an der Wand steht.
Gezeichnet hat dieses Blatt vermutlich nicht Maria Sibylla Merian selbst, sondern ihre jüngste Tochter: Dorothea Maria Gsell.
Sie arbeitete im Atelier ihrer Mutter und reiste als junge Frau mit ihr nach Surinam. Später ging sie auf Einladung von Zar Peter dem Großen nach Sankt Petersburg. Dort lehrte sie an der Akademie der Wissenschaften und leitete die naturkundlichen Sammlungen.
Eine Frau, die im 18. Jahrhundert eine wissenschaftliche Sammlung leitete.
Und deren Namen fast niemand kennt. Was auf diesem Blatt gehört zusammen? Nicht nur Raupe, Puppe und Falter. Auch eine Mutter, eine Tochter und eine Arbeitsweise, die weitergegeben wurde.
er Zeit von der Inquisition streng überwacht, kaum jemandMetamorphose des Kaiserfalters. Atelier von Maria Sibylla Merian, nach 1679. Pinsel in Aquarell und Gouache über Graphitspuren, auf Pergament, 192 × 155 mm. Rijksmuseum Amsterdam, Inventarnummer RP-T-1946-73. Die Zeichnung wird vermutlich Merians jüngster Tochter Dorothea Maria Gsell zugeschrieben
Knapp DIN-A5-Format, ein Blatt für die Hand, kein Wandbild. Und gemalt auf Pergament, nicht auf Papier – deshalb liegen die Farben so glatt auf und leuchten bis heute.
Ihr Hauptwerk zu Surinam, die „Metamorphosis insectorum Surinamensium“, erschien 1705 mit 60 Tafeln. Sie finanzierte den Druck selbst durch Subskription und verkaufte einen Teil ihrer Sammlung dafür.
Bis zum nächsten Impuls, hab einen schönen Sonntag.
Herzliche Grüße
Andrea
Übrigens: Am 6. November führe ich interaktiv durch "Niki de Saint Phalle – Dream Machine" im Kunstpalast Düsseldorf, 5 Euro zuzüglich Eintritt. Alle Termine findest du hier.
1 Metamorphose des Kaiserfalters Rijksmuseum, Inv. RP-T-1946-73, Rijksstudio frei
