

Wohin gehen diese Frauen=
Nimm dir einen Moment, bevor du weiterliest.
Schau noch einmal in den Spiegel. Die meisten von uns nehmen an, sie sehe sich dort selbst. Aber die Perspektive lässt das gar nicht zu. In Wahrheit blickt sie durch den Spiegel hinaus – auf uns, die wir sie betrachten.
Was sie dabei denkt, weiß niemand.
Vielleicht sieht sie dich.
Ich würde zu gern wissen, was du denkst. Schreib mir, und ich schreibe dir zurück.
Schau, wie viel Weg hinter ihnen liegt.
Die Straße läuft bis zum Horizont. Die Zaunpfähle begleiten sie, links und rechts die Felder, das Wasser. Woher die drei kommen, hat Werefkin in aller Breite gemalt.
Wohin sie gehen, hat sie weggelassen. Es ist nirgends im Bild. Es liegt hinter dir. Sie kommen dir entgegen.
Drei dunkle Mäntel, drei weiße Tücher, drei fast gleiche Gesichter. Und eine Landschaft, deren Farben mit dem, was ein Auge sieht, wenig zu tun haben. Werefkin malte nicht, was sie sah, sondern was sie über das Gesehene dachte.
Was du in diesen drei Gesichtern liest? Werefkin hat es dir überlassen.
Sie selbst hatte zehn Jahre lang nicht gemalt.
Als junge Frau in Russland galt sie als Ausnahmebegabung, man nannte sie den russischen Rembrandt. Dann lernte sie Alexej von Jawlensky kennen und hörte auf. Zehn Jahre lang stellte sie ihr Können, ihre Verbindungen und ihre Pension aus dem Zarenhaus in den Dienst seiner Karriere.
Mit 46 fing sie wieder an. Nicht dort, wo sie aufgehört hatte, sondern in einer völlig neuen Sprache. Dieses Bild entstand in genau diesem Jahr.
Wohin sie geht, war 1907 nirgends zu sehen. Sie ging trotzdem los.
Marianne von Werefkin
Die Landstraße 1907
Museo comunale d’arte moderna, Ascona
Marianne von Werefkin, Die Landstraße, 1907. Fondazione Marianne Werefkin, Dauerleihgabe im Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona. 106 x 68 cm ; Technik: Tempera auf Pappe
Werefkin gehörte zum Münchner Kreis um Jawlensky, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, aus dem 1909 die Neue Künstlervereinigung München und daraus der Blaue Reiter hervorging.
Bis zum nächsten Impuls, hab einen schönen Sonntag.
Herzliche Grüße
Andrea
Übrigens: Am 2. Oktober führe ich interaktiv durch "Niki de Saint Phalle – Dream Machine" im Kunstpalast Düsseldorf, 5 Euro zuzüglich Eintritt. Alle Termine findest du hier.
1 By Marianne von Werefkin - the-athenaeum.org, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=80360273
