
Was hat dieser Tiger erlebt, bevor er hierher kam – und was passiert als Nächstes mit ihm?<Wo kommen diese Pferde her? Wo gehen sie hin?
Schreib mir gern deine Geschichte zu diesem Tiger. Hat er vielleicht sogar einen Namen?
Deine Geschichte zu diesem Tiger ist genau die Art von Blick, die Franz Marc sich gewünscht hätte.
Er malte Tiere nicht, um sie möglichst naturgetreu abzubilden. Er wollte etwas von ihrem inneren Wesen sichtbar machen – eine Art Seelenzustand, den er in Farbe übersetzte. Für ihn waren Tiere reiner und unverstellter als Menschen, näher an etwas Ursprünglichem, das die moderne Welt gerade verlor. Ein Pferd, ein Reh, ein Tiger – sie alle wurden bei ihm zu Trägern von Gefühl und Stimmung, nicht zu naturkundlichen Studienobjekten.
Ein Tiger aus dem Zoo
Franz Marc kannte Raubkatzen nicht nur aus Fotografien. Er beobachtete und zeichnete sie bei mehreren Besuchen im Berliner Zoo. Diese Tierstudien bildeten eine Grundlage für seine späteren Darstellungen. Als er 1912 den „Tiger“ malte, ging es ihm jedoch nicht mehr um eine naturgetreue Wiedergabe: Er formte das Tier aus Farben, Flächen und kantigen Linien.
Deshalb löst er den Körper dieses Tigers in schräge, farbige Flächen auf. Er verschmilzt mit der Landschaft, wird selbst zu ihr. Kein lauernder Blick, keine Zähne, keine Anspannung vor dem Sprung. Das ist kein Tiger, der beobachtet wird – es ist ein Tiger, der gefühlt wird.
Genau diese Offenheit macht seine Tierbilder bis heute so besonders. Sie zeigen kein Tier, das etwas tut. Sie laden dazu ein, sich vorzustellen, was das Tier durchlebt – seine Geschichte, wie du sie gerade selbst entworfen hast.
Franz Marc konnte diese Bilder nicht mehr lange malen. 1914 zog er in den Ersten Weltkrieg, 1916 fiel er bei Verdun, mit gerade einmal 36 Jahren.
Das Gemälde selbst hat eine eigene Geschichte des Überlebens: Bernhard Koehler, ein Berliner Industrieller und der wichtigste Förderer des "Blauen Reiter", kaufte "Der Tiger" direkt von Franz Marc. Es blieb im Besitz der Familie Koehler – auch während der NS-Zeit, als andere Werke Marcs aus öffentlichen Museen als "entartete Kunst" beschlagnahmt wurden. Weil dieses Bild in Privatbesitz war, blieb es unangetastet. 1965 übergaben die Erben es der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, wo es bis heute zu sehen ist.
Franz Marc, Tiger , 912
ÖL auf Leinwand 111,7 × 101,8 Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, aus der Bernhard und Elly Koehler Stiftung
Franz Marc gehörte zum Blauen Reiter und malte Tiere nicht so, wie sie aussehen, sondern wie er ihr Wesen empfand.
Bis zum nächsten Impuls, hab einen schönen Sonntag.
Herzlichen Grüße
Andrea
P.S. Am 20. November führe ich durch die große Franz-Marc-Ausstellung in der Kunstsammlung NRW – dieser Termin ist bereits ausgebucht, aber wenn du für weitere Termine vorgemerkt werden möchtest, schreib mir einfach kurz.
1 By Franz Marc - BR Info picture, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29435567
